Ein fideles Gefängnis – Fritz Kater

Katers Bericht über seinen Gefängnis-Aufenthalt 1893. Erschienen in Besinnung und Aufbruch, 2. Jahrgang, Heft 8, Dezember 1930, S.119-122

Fideles Gefängnis? wird mancher fragen. Gibt es denn so etwas auch? Ja! es kommt bei der Beurteilung der Sache lediglich darauf an, wie der Gefangene sich mit der Strafe und mit allem Drum und Dran abfindet, vielfach auch darauf, was die Ursachen seiner Verur­teilung sind. Ich zum Beispiel habe alle meine Inhaf­tie­rungen immer auf die leichte Achsel genommen. War ich mir doch voll bewusst, dass ich nach meinen Begriffen niemals eine menschlich unehren­hafte Handlung begangen und in meinem ganzen Leben keinem Menschen wissentlich jemals Unrechtes zugefügt habe. Wenn man aber wegen seiner Tätigkeit auf Grund der Gesetze trotz aller Vorsicht von den Geset­zes­wächtern doch einmal verur­teilt wird, dann ist das meist weniger auf die Handlung des Menschen, als auf die beste­henden Gesetze zu buchen. Kurz und gut, ich habe solche Haft mehr als Erholung, als eine Buße aufge­fasst, und in den Gefäng­nissen immer dahin gewirkt, soweit ich mit anderen Insassen in Berührung kam, dass auch diese die Dinge nicht gar zu schwer nahmen.

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Brief von Fritz Kater, 24. August 1918

Kurz vor Ende des 1. Weltkrieges wurde durch die preußi­schen Polizei­be­hörden ein Brief von Fritz Kater an einen Kameraden abgefangen. Er gibt sehr schön die Stimmung gegen Ende des Krieges in der syndi­ka­lis­ti­schen Bewegung um die „Freie Verei­nigung deutscher Gewerk­schaften“ wieder, sowie, wie man zur entste­henden Bewegung der „Unabhän­gigen“ (U.S.P.D.) sich verhält.

Abschrift.

Berlin, den 24. August 1918

Lieber Freund!
Du schreibst mit unter dem 15. Juli einen längeren Brief, in welchem Du deinen Unwille über Untä­tigkeit unserer­seits ausdrücktest, selbst aber am Schlusse sagst, dass Ihr jeweilig abseits steht und beobachtet „denn die deutsche eiserne Faust lässt uns auch keinen Milimeter von unseren Beobach­tungs­posten abweichen.“

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Unsterb­liche Opfer – Dem Andenken Artur Holkes.

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Ein weiterer Artikel aus den Rocker Papers abgetippt, diesmal ein Nachruf auf den Reichs­ar­chivar der FAUD Artur Holke. In Leipzig hat die ASJ  zusammen mit der FAU Leipzig 2013 einen Stolper­stein in Ehre seines Andenken organi­sieren können. Er befindet sich in der Zentral­strasse 11 und wird jedes Jahr am 9. November gepflegt.

Unsterb­liche Opfer,
Dem Andenken Artur Holkes.

Artur Holke, geb. am 12. Januar 1883 in Leipzig, ein unerschüt­ter­licher Kämpfer für Freiheit und Recht, ein glühender Revolu­tionär und Sozialist, unerschrocken im Kampf gegen das verbre­che­ri­schen Naziregime, fiel als Opfer des Faschismus im Konzen­tra­ti­ons­lager Buchenwald am 22. Januar 1940.

Sein Leben war allezeit gewidmet den Inter­essen des arbei­tenden Volkes. Schon als Lehrling organi­sierte er sich im Deutschen Metall­ar­bei­ter­verband. Hier hatte er bald Gewerk­schafts­funk­tionen inne. Bei allen Aktionen stand er in vorderster Reihe.

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Schwedens SAC und die KOMMU­NAL­PO­LI­TISCHE ARBEIT

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Ich habe für einen anderen Artikel, den ich gerade am vorbe­reiten bin, einmal wieder in den Rudolf Rocker Papers gestöbert und bin über den Artikel weiter unten gestoßen. Gerade in Sachen anarchis­ti­schem Revisio­nismus stellt dieser eine Position dar, wie sie nach 1945 kurzweilig sowohl in Westdeutschland als auch der SBZ prakti­ziert wurde. Der Text stammt von John Andersson

Schwedens SAC und die KOMMU­NAL­P0­LI­TISCHE ARBEIT

In letzter Zeit haben in verschie­denen Ländern, Zeitungen unsere Organi­sation über die Frage der Teilnahme in der Kommu­nal­po­litik in Schweden, geschrieben. Wir wollen hier speziell auf Artikel welche in den Zeitungen Espana Libre, die in Frank­reich erscheint, und Socia­lisme van oder op in Holland, sowie die Zeitschrift Die Freie Gesell­schaft, in Deutschland, und den hollän­di­schen anarcho­syn­di­ka­lis­ti­schen Presse­dienst, hinweisen.
Für alle die nicht in die Verhält­nisse, welche diese Artikel behandeln, einge­setzt sind, ist es leicht auf Grund der misswei­senden Darstellung in den selbigen, den Schlusssatz zuziehen, SAC, Sveringes Arbetares Central­or­ga­ni­sation, IAA :s schwe­dische Sektion sei dabei, als Organi­sation, die kommu­nal­po­li­tische Arbeit als Richt­linie für Ihre Tätigkeit anzuer­kennen.

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Kurz angemerkt: Zum GDL-Streik

Ich habe es getan, ich habe heute in ein paar Facebook-Empör­gruppen zum GDL-Streik geschrieben. Dabei kamen vor allem 2 Fragen immer wieder auf:

  1. Menschen werden durch den Streik ihren Job verlieren! (Stimmt das?)
  2.  Warum wird so lange und über­haupt gestreikt, wie kam der „neue“ GDL-Tarif­kon­flikt zu stande:

Das kann man in zweierlei Hinsicht beant­worten, das eine dauert etwas, das andere geht sehr schnell.

  1. Wieviel Menschen dadurch ihren Job verlieren? Nun, _Niemand_, eine Kündigung kann nur nach Abmahnung (oder fristlos) erfolgen, welche wiederum nur bei „wie­derholt selbst­ver­schul­detem Fernblei­ben“ aus sprechbar ist. Es gibt im Arbeits­recht extra die Möglichkeit der höheren Gewalt, eine Regelung auf die man sich im Ernstfall hier berufen könnte.
  2. Und nun der etwas längere Teil. Warum 6 Tage, warum ein neuer Streik. Entscheiden tut diesen Streik anders als behauptet nicht Herr Weselsky (GDL und CDU-Mitglied in Sachsen), der Vorsit­zender ist, sondern die GDL-Mitglieder selbst.

Sie geben ihren Auftrag für die Verhand­lungen und Herr Weselsky muss das umsetzen, selbst wenn er das nicht will. Warum ein neuer Streik? Nun die DB hat versucht zu betrügen, hat Verhand­lungen versprochen, diese jedoch erneut und wiederholt platzen lassen aus dem Grund, dass sie den zu verhan­delnden Tarif­vertrag nicht für die Subun­ter­nehmen über­nehmen will.
**Darum geht es hier!** Die Deutsche Bahn gründet seit 20 Jahren Subun­ter­nehmen (z.B. für die Fahrbe­gleiter, den Kunden­service der morgen Empört angerufen wird, das Dienst­per­sonal, was morgen als Streik­brecher einge­setzt wird, etc.).

Die Niedriglohn-Beschäf­tigten in dem Service-Subun­ter­nehmen für das Callcenter – was von morgens bis abends morgen Auskunft geben wird, wie man doch noch von A nach B kommt – ja, hier verdient eine Angestellte im Monat Brutto etwas unter 900€, bei Schicht­be­trieb und 36,irgendwas Stunden­woche.

Die DB hat jeden Tarifab­schluss der letzten Jahre damit beant­wortet, neue Subun­ter­nehmen zu gründen und die Angestellten in diese Unter­nehmen auszu­gliedern. Und hier kommt die GDL ins Spiel, diese will, dass der Tarif­vertrag eben auch für die Subun­ter­nehmen gilt, damit dieses Spiel der DB aufhören muss.

Und die Zeit eilt, denn im Bundestag wird gerade ein Gesetz­entwurf einge­bracht, nach der in einem Betrieb nur noch eine Gewerk­schaft streiken darf, die die Mehrheit in einen Betrieb hat. Da hat die GDL gelernt, denn nach den Streiks 2009 wurden viele GDL-Mitglieder in Subun­ter­nehmen ausge­gliedert, und die GDL syste­ma­tisch geschwächt. Wenn du dich also aufregen willst: Benenne die richtigen, und sorge dafür, dass das aufhört.

Gründen wir eine Arbeits­börse. Einzu­richten ist: [Exzerpt]

Seit 2 Jahren sitze ich auf diesen Notizen um sie zu veröf­fent­lichen und komm und komme nicht dazu. Da ich gestern aber Fernand Pelloutier ansprach und mir gestern Abend diese Notizen in die Hände vielen, war es heute morgen ein leichtes, sie abzutippen und zu veröf­fent­lichen. Nicht alles davon ist aktuell, aber noch aktuell genug um sich seine Gedanken zu machen. Nun denn hier sind sie:

Exzerpt: „Chapter 5 – How to create a Bourse du Travail“ – by Fernand Pelloutier.

>> In der heutigen Gesell­schaft muss die Arbeits­börse ein Ort des Wider­stands („an association of resistan­ce“) sein<<

 

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Anarchist Role Models.

Es klingt zunächst komisch, Anarchisten mit Vorbildern? Perso­nenkult soll doch vermieden werden! Kill your Heroes!

Doch darum geht es nicht. In Gesprächen mit jüngeren fällt mir immer wieder auf, dass sie nach Halt suchen in der immer schneller werdenden Zeit, dass sie nicht so ganz wissen, für welchen Lebensweg sie sich entscheiden sollen, welche Richtung sie einschlagen sollen, können. Wenn ich gleich­zeitig mit Gründern spreche, dann kommt recht häufig vor, dass sie dann anfingen gezielter zu Arbeiten und ihre Sache voran zu treiben, als sie für sich passende Role Models, Rollen-Vorbilder, gefunden hatten.

Ich habe mit 19 Jahren eine Weile lang den Geschäfts­führer der Freien Verei­nigung Deutscher Gewerk­schaften, Friedrich Kater, als Vorbild empfunden. Schon mit jungen Jahren in der Sozial­de­mo­kratie engagiert, hat er Zeit seines Lebens mit der Organi­sation einer gewerk­schaft­lichen Bewegung in Deutsch­lands verbracht. Bis ins hohe Alter hat er sich nützlich gemacht, wo er konnte, ob als Schrift­führer, Versamm­lungs­leiter, Materia­li­en­ver­trieb, Redakteur, Heraus­geber und Sekretär. Mit 70 hat er noch mit einem Boller­wagen die Post der Organi­sation aufge­geben und in Empfang genommen. Nach dem Ersten Weltkrieg in Haft als Organi­sator, im Zweiten Weltkrieg weitest­gehend isoliert, verstorben am 12. Mai 1945 in folge eines Spren­g­un­falls.

Ich möchte in nächster Zeit einige Role Models sammeln, um zu zeigen, in welche Richtung man sich begeben kann, welche Wege man wählen kann, und um vielleicht sogar neue Anarchisten und Syndi­ka­listen für sich zu entdecken. (Nach Kater waren auch andere Sinnstiftend, ob nur Fernand Pelloutier, Lucy Parson oder Laureano Cerrada.)

Eine Liste wird entspre­chend verlinkt.

Ich werde bei der Erstellung quotiert vorgehen, Auf 2 Frauen versuche ich 1 Mann kommen zu lassen, ob mir das gelingt, kann ich noch nicht so recht sagen, ein paar Ideen haben ich jedoch bereits. Beginnen werde ich mit Friedrich Kater, ein extra Beitrag wird verlinkt.

Meine Frage, haltet ihr die Idee für gut, oder seht ihr die Frage nach Role Models eher kritisch, weil identitär oder weit schlimmer: Heroen­bildung?

Starting again. To Blog and Share.

It has been a while since my last post.
But since yesterday i feel again the urge to express myself more, to write on my own website and share what i know. May it is because i finished the „un­written Malatesta-Biogra­phy“ (by Edition Nautilus[->Leseprobe]), where Malatesta describes that he did not find his own life important enough to share (and I got so angry about this, that i got thinking about why, and found out, it is because i thought the same). For days i read the webpage of Sacha Chua, an semi-retired programmer, sketch noter and visual thinker from Toronto. She shares nearly every success, every little bit of knowledge, every little bread crump she learns (about herself as well). And i believe that is a nice approach, share what are the questions, what are you working on, what did you learn.
Do not worry, i will not make this a public dairy, but i try to develop it more into a journaling of development than before.

It does sound strange, but i believe deeply, that i have things to share, interesting questions and maybe some solutions for people with the same questions.

So, what happened since i wrote last time? First of all, i found new ways to express myself, i startet to sketch note and practice visual thinking. I guess i will write a little bit more about that later, just for now a short statement: It produces the highest amount of output i had in the last 5 years, my thinking processes are much more clear and i can handle stress much better.

Below my post i try to establish the following structure:
„What did i learn yesterday and today?“, „Currently working on“, „Open questions.“, „Back­log“

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Rudolf Rocker

RudolfMilly

Aus den Memoiren eines deutschen Anarchisten (Suhrkamp, S.109)

Die Anarchisten bilden keine geschlossene politische Partei wie die meisten anderen Richtungen des Sozia­lismus, da die Eroberung der politi­schen macht für sie keine Bedeutung hatte. Was sie erstrebten, war eine Neuge­staltung des gesell­schaft­lichen Lebens auf der Basis persön­licher Freiheit und wirtschaft­licher Gleich­be­rech­tigung. Sie wussten, dass eine solche nicht durch politische Verord­nungen und Regie­rungs­be­schlüsse erreicht werden konnten.“

Der Anarchismus ist keine Patent­lösung für alle mensch­lichen Probleme, keine Utopie einer perfekten Gesell­schafts­ordnung (wie er so oft bezeichnet wurde), weil er grund­sätzlich alle absoluten Schemata und Konzepte verwirft. Er glaubt nicht an eine absolute Wahrheit oder an bestimmte Endziele der mensch­lichen Entwicklung. Vielmehr an eine unbegrenzte Vervoll­komm­nungs­fä­higkeit von sozialen Modellen und mensch­lichen Lebens­be­din­gungen, die sich ständig um höhere Ausdrucks­formen bemühen, und denen man, aus diesem Grund, keinen bestimmten Endpunkt und kein festes Ziel zuweisen kann.“

Konstruk­tiver Sozia­lismus, ein Remix.

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(ein Remix von Diego A. de Santillans “Für eine konstruktive Arbei­ter­be­wegung “ von 1950)

2014. 100 Jahre nach dem Ausbruch des ersten, die Welt umgrei­fenden Krieg. 64 Jahre nach dem Erscheinen der Streit­schrift von Diego Abad de Santillian, einst Wirtschafts­mi­nister für die CNT im revolu­tio­nären Spanien, hat die Streit­schrift “Für eine konstruktive Arbei­ter­be­we­gung” kaum an Aktua­lität verloren. Daher habe ich sie einem Remix unter­zogen.

So halte ich fest, dass die „Idee der einigen Mensch­heit“ aus strate­gi­schen und takti­schen Gründen in Verfall geraten ist. [1]

Schauen wir auf die Ukraine, auf Russland, die USA, in den Irak, so sehen wir im weiteren, dass „alle morali­schen Hemmungen sind gefal­len“[1], und doch… und doch ist es dabei geblieben:

“Wir wollen mehr denn je eine Welt der Freiheit, der Gerech­tigkeit, der Solida­rität und der Arbeit. Als man die Arbei­ter­massen noch als Objekte ungehemmter Ausbeutung betrachtete, sei es als Sklaven der Scholle oder willenlose Räder im Getriebe der modernen Industrie, erhoben unseren Vorgänger die Fahne der Rebellion und verkün­deten ihre Ideen, brachten Opfer, begingen revolu­tio­näre Taten und litten Verfolgung für die Verkündung von Wahrheiten, die heute veraltet und überlebt erscheinen mögen.”[1]
Schauen wir auf heute, so sehen wir immer noch, dass unsere Forderung nicht umgesetzt ist, dass die

„Schule kein Monopol der Kirche, kein Instrument geistiger Bevor­mundung durch den Staat sein dürfe, sondern im Dienst am Kinde und seiner Freiheit stehen und eine Pflanz­stätte der Kultur sein solle“[1]

, nicht erfüllt ist.

Der Blick zurück, legt ein Jahrhunder voller Arbei­ter­kämpfe offen, — niemand kann leugnen, dass in diesen Kämpfen, vor der Bildung der Ersten Inter­na­tionale, in der Inter­na­tionale selbst und nachher die syndi­ka­lis­ti­schen Gedan­ken­gänge und Aktions­me­thoden in gewissen Perioden und manchen Situa­tionen eine wesent­liche Rolle gespielt haben. [1]

Mehr noch, es wird sichtlich, dass Arbei­ter­or­ga­ni­sa­tionen zum Kampf gegen den Kapita­lismus geschaffen wurden, dass immer wieder betont wurde (von den Syndi­ka­listen und Anarchisten), dass die organi­sierte Arbeit der Eckstein einer neuen Gesell­schaft sein muss. [1] Gerade in Zeiten fortschrei­tender Automa­ti­sierung und bevor­ste­hender Durch­brüche in der Automa­ti­sierung von Transport und Logistik, Ratio­na­li­sierung in der IT-Branche und Verla­gerung der Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nisse von Festan­stellung zu FlexWork ist diese Forderung hochak­tuell durch ihre weitrei­chende Spreng­kraft für das kapita­lis­tische Gesell­schafts­ver­hältnis. Auch deshalb, da das Versprechen der Demokratie bis heute vor der Vollbe­stimmung (statt Betriebs­in­terner Teilbe­stimmung) der Wirtschaft halt macht.

Arbei­te­rInnen haben die Arbei­ter­be­wegung geschaffen, sie mit Leben zu füllen und am Leben zu erhalten, haben sie verteidigt gegen die oft fanatische Feind­schaft des Kapita­lismus und gegen die Verfol­gungen und den Terror der Staaten. Doch heute sind sie ein fester bestandteil des modernen Staates geworden, ihre Forde­rungen füllen die Geset­zes­blätter und auch wenn sie immer lustloser umgesetzt werden, die integri­rende Wirkung ist hoch. Und: Unsere Idee der Unabhän­gigkeit vom Staat hat diesen Prozess der Anpassung nicht aufhalten können: unsere kleinen Brenn­punkte freiheitlich-sozia­lis­ti­scher Ideen, föde­ra­lis­ti­schen Denkens in einigen Länder können den Gang der Geschichte nicht aufhalten.

Wir sehen, dass Propa­ganda, die einst mal große Opfer gefordert hat, heute modernes Verfas­sungs­recht geworden ist. Und doch sehen wir auch eine Verschlech­terung der Situation, wenn es um bislang unerfüllte Forde­rungen geht. Eine Tendenz zum Autokra­ti­schen Staat lässt sich nach 2001 in den beste­henden Demokratien überall feststellen.
Auch wenn unsere Ideen in vielen Fällen zum Inhalt sozialer Gesetz­gebung geworden sind, und damit positives Recht, das nicht selten erstritten wurde, so lässt die Aufgabe sozialer Tätigkeit, vormals von Verstaat­li­chung sozialen Lebens betrof­fener Bereiche der Gesell­schaft verzweifeln. Oder genauer: Dass wir im Augen­blick keine erfolg­ver­spre­chenden Mittel haben, die unver­holene Drohung, große Teile der Gesell­schaft zu verarmem nichts entge­gen­setzen können.

Die Menschen sind dem Trugbild der Sozialen Sicherheit durch staat­liche Organi­sation gefolgt, ohne zu bemerken, dass sie ihre Freiheit durch Selbst­or­ga­ni­sation dabei verloren, ohne die es keine Sicherheit geben kann.

Die Fahne, die wir in den Reihen der organi­sierten Arbeit so lange stolz und mutig hochge­halten haben, uns mit Gewalt von skrupel­losen Karrie­re­ma­chern entwunden worden ist, vereinigt schon lange keine Scharen mehr, ja nicht einmal eine Handvoll Menschen auf unsere Ideen von Freiheit, Gleichheit und Sozia­lismus. Unsere tatsäch­lichen Perspek­tiven sind angesichts der heutigen Situation des relativ unfrucht­baren Kampfes gegen den Strom, so wir ihn über­haupt führen, ernüch­ternd schlecht.
So sehr es mich freut, dass in einigen Teilen Europas und der restlichen Welt syndi­ka­lis­tische Organi­sa­tionen wachsen, so wünsche ic mit auch, dass sie sich die Flexi­bi­lität behalten, nach neuen Wegen zu suchen. „Schon (Helmut) Rüdiger hat darauf hinge­wiesen, wie das Verständnis für wesent­liche Ideen Proudhons sich ausbreitet und gewisse Elemente unseres föde­ra­lis­ti­schen Denkens heute endlich auf verschienen, sozialen, politi­schen und kultu­rellen Teilge­bieten aufzu­blühen begin­nen“, sei es die Diskussion um Dezen­tra­li­sierte Produk­ti­ons­stätten (durch Subsis­tenz­pro­duktion via 3D-Printer), oder dezen­tra­li­sierung der Server­struktur- und Proto­kolle in Reaktion auf Internet-Total­über­wa­chung seitens der Staats­mächte.

„Die gemeinsame Kampf­front, die wir in dieser wirren Epoche vertei­digen sollten, scheint mir nicht mehr eine Einheits­front für rein wirtschaft­liche Forde­rungen zu sein, sondern eine Front der Vertei­digung der Freiheit mit dem Wort und der Tat. Und in diesem Kampfe werden wir vielleicht ganz unerwartete Verbündete und Mitkämpfer finden.“

Keineswegs sollte auf irgendeine der alten Bewegung ureigenen Ideen verzichtet werden, die für die Wieder­er­oberung eines menschen­wür­digen Lebens wesentlich erscheinen. Ich stimme mit dem Sozia­listen Albert Jensen überein, wenn er sagt,

„dass wir die Revolution, die wir wollen, nicht mehr als eine impro­vi­sierte Katastrophe auffassen dürfen, sondern in ihr einen langen Prozess sehen müssen.“

Es wird neben alten Formen des sozialen Lebens auch neue Lebens­formen geben. Es muss ein Neben­ein­an­ders­be­stehen verschie­dener Lebens­formen ermög­lichen, das ist nicht nur möglich, sondern sogar wünschenswert.

Ich wünsche mir eine Arbei­ter­be­wegung, die vom Gedanken des Aufbaus und der Verwirk­li­chung erfüllt ist — dem Geist, den schon einmal der Sozia­lismus beseelte, dem Marx und Engels im Namen ihrer „Wis­sen­schaft“ als „uto­pisch“ verhöhnten. Ich wünsche, dass eine Sphäre der freien Arbeit geschaffen wird, zur Vertei­digung der Freiheit des Indivi­duums und seiner Würde, die direkt auf die Initiative der organi­sierten Massen aufbaut — etwa im Sinne der Genos­sen­schaften, aber in einem stärker kämp­fe­ri­schen und aktiv-sozia­lis­ti­schen Geiste.

Der Gedanke, alles zu verlangen, sofort und unabdingbar, ohne Aufschub und so wie wir das Neue erträumen, kommt dem Entschluss gleich, auf alles zu verzichten.

Im Geiste unmit­tel­barer konstruk­tiver Arbeit kann die Arbei­ter­be­wegung ein Werkzeug mensch­licher Befreiung im Schoße der beste­henden kapita­lis­ti­schen Ordnung werden. Es war einst dieser Geist der Verwirk­li­chung und der Freiheit, der einst in unserer spani­schen, ukrai­ni­schen, chine­si­schen und korea­ni­schen syndi­ka­lis­tisch-anarchis­ti­schen Bewegung blühte, wegen diesem Geist fühlen wir uns noch heute von ihnen unwider­stehlich angezogen.

Mit das Schlimmste ist in meinen Augen, dass uns nicht nur die Perspek­tiven ausge­gangen sind, sondern auch die konkreten Ideen und Vorstel­lungen, nicht aber die Problem­stel­lungen in der Gesell­schaft im Spannungsraum zwischen Staat und Kapital auf der einen und Freiheit, Gleichheit und Gerech­tigkeit auf der anderen Seite. Für die Wieder­er­langung einer Perspektive möchte ich eintreten, zum Erarbeiten neuer und alter Vorstel­lungen aufrufen.

Für dieses Ziel möchte ich wünschen, dass der Geist der alten Kampf­ge­nossen gegen den frühen Kapita­lismus zu neuem Leben erwacht.

Es wäre der Mühe wert, die Gedanken, die hier nur flüchtig angedeutet sind, gründlich zu entwi­ckeln. Was uns betrifft, so sehe ich in solchen Ideen einen Stern der Hoffnung, der nach der dunklen Nacht dieser Zeit einen neuen Tag verheißt.

Auf, auf, für den konstruk­tiven Sozia­lismus.

[1] alle Zitate aus: “Für eine konstruktive Arbei­ter­be­we­gung”, Diego Abad de Santillan (1950)