Konstruk­tiver Sozia­lismus, ein Remix.

(ein Remix von Diego A. de Santillans “Für eine konstruktive Arbei­ter­be­wegung “ von 1950)

2014. 100 Jahre nach dem Ausbruch des ersten, die Welt umgrei­fenden Krieg. 64 Jahre nach dem Erscheinen der Streit­schrift von Diego Abad de Santillian, einst Wirtschafts­mi­nister für die CNT im revolu­tio­nären Spanien, hat die Streit­schrift “Für eine konstruktive Arbei­ter­be­wegung” kaum an Aktua­lität verloren. Daher habe ich sie einem Remix unter­zogen.

So halte ich fest, dass die „Idee der einigen Menschheit“ aus strate­gi­schen und takti­schen Gründen in Verfall geraten ist. [1]

Schauen wir auf die Ukraine, auf Russland, die USA, in den Irak, so sehen wir im weiteren, dass „alle morali­schen Hemmungen sind gefallen“[1], und doch… und doch ist es dabei geblieben:

“Wir wollen mehr denn je eine Welt der Freiheit, der Gerech­tigkeit, der Solida­rität und der Arbeit. Als man die Arbei­ter­massen noch als Objekte ungehemmter Ausbeutung betrachtete, sei es als Sklaven der Scholle oder willenlose Räder im Getriebe der modernen Industrie, erhoben unseren Vorgänger die Fahne der Rebellion und verkün­deten ihre Ideen, brachten Opfer, begingen revolu­tio­näre Taten und litten Verfolgung für die Verkündung von Wahrheiten, die heute veraltet und überlebt erscheinen mögen.”[1]
Schauen wir auf heute, so sehen wir immer noch, dass unsere Forderung nicht umgesetzt ist, dass die

„Schule kein Monopol der Kirche, kein Instrument geistiger Bevor­mundung durch den Staat sein dürfe, sondern im Dienst am Kinde und seiner Freiheit stehen und eine Pflanz­stätte der Kultur sein solle“[1]

, nicht erfüllt ist.

Der Blick zurück, legt ein Jahrhunder voller Arbei­ter­kämpfe offen, — niemand kann leugnen, dass in diesen Kämpfen, vor der Bildung der Ersten Inter­na­tionale, in der Inter­na­tionale selbst und nachher die syndi­ka­lis­ti­schen Gedan­ken­gänge und Aktions­me­thoden in gewissen Perioden und manchen Situa­tionen eine wesent­liche Rolle gespielt haben. [1]

Mehr noch, es wird sichtlich, dass Arbei­ter­or­ga­ni­sa­tionen zum Kampf gegen den Kapita­lismus geschaffen wurden, dass immer wieder betont wurde (von den Syndi­ka­listen und Anarchisten), dass die organi­sierte Arbeit der Eckstein einer neuen Gesell­schaft sein muss. [1] Gerade in Zeiten fortschrei­tender Automa­ti­sierung und bevor­ste­hender Durch­brüche in der Automa­ti­sierung von Transport und Logistik, Ratio­na­li­sierung in der IT-Branche und Verla­gerung der Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nisse von Festan­stellung zu FlexWork ist diese Forderung hochak­tuell durch ihre weitrei­chende Spreng­kraft für das kapita­lis­tische Gesell­schafts­ver­hältnis. Auch deshalb, da das Versprechen der Demokratie bis heute vor der Vollbe­stimmung (statt Betriebs­in­terner Teilbe­stimmung) der Wirtschaft halt macht.

Arbei­te­rInnen haben die Arbei­ter­be­wegung geschaffen, sie mit Leben zu füllen und am Leben zu erhalten, haben sie verteidigt gegen die oft fanatische Feind­schaft des Kapita­lismus und gegen die Verfol­gungen und den Terror der Staaten. Doch heute sind sie ein fester bestandteil des modernen Staates geworden, ihre Forde­rungen füllen die Geset­zes­blätter und auch wenn sie immer lustloser umgesetzt werden, die integri­rende Wirkung ist hoch. Und: Unsere Idee der Unabhän­gigkeit vom Staat hat diesen Prozess der Anpassung nicht aufhalten können: unsere kleinen Brenn­punkte freiheitlich-sozia­lis­ti­scher Ideen, föde­ra­lis­ti­schen Denkens in einigen Länder können den Gang der Geschichte nicht aufhalten.

Wir sehen, dass Propa­ganda, die einst mal große Opfer gefordert hat, heute modernes Verfas­sungs­recht geworden ist. Und doch sehen wir auch eine Verschlech­terung der Situation, wenn es um bislang unerfüllte Forde­rungen geht. Eine Tendenz zum Autokra­ti­schen Staat lässt sich nach 2001 in den beste­henden Demokratien überall feststellen.
Auch wenn unsere Ideen in vielen Fällen zum Inhalt sozialer Gesetz­gebung geworden sind, und damit positives Recht, das nicht selten erstritten wurde, so lässt die Aufgabe sozialer Tätigkeit, vormals von Verstaat­li­chung sozialen Lebens betrof­fener Bereiche der Gesell­schaft verzweifeln. Oder genauer: Dass wir im Augen­blick keine erfolg­ver­spre­chenden Mittel haben, die unver­holene Drohung, große Teile der Gesell­schaft zu verarmem nichts entge­gen­setzen können.

Die Menschen sind dem Trugbild der Sozialen Sicherheit durch staat­liche Organi­sation gefolgt, ohne zu bemerken, dass sie ihre Freiheit durch Selbst­or­ga­ni­sation dabei verloren, ohne die es keine Sicherheit geben kann.

Die Fahne, die wir in den Reihen der organi­sierten Arbeit so lange stolz und mutig hochge­halten haben, uns mit Gewalt von skrupel­losen Karrie­re­ma­chern entwunden worden ist, vereinigt schon lange keine Scharen mehr, ja nicht einmal eine Handvoll Menschen auf unsere Ideen von Freiheit, Gleichheit und Sozia­lismus. Unsere tatsäch­lichen Perspek­tiven sind angesichts der heutigen Situation des relativ unfrucht­baren Kampfes gegen den Strom, so wir ihn über­haupt führen, ernüch­ternd schlecht.
So sehr es mich freut, dass in einigen Teilen Europas und der restlichen Welt syndi­ka­lis­tische Organi­sa­tionen wachsen, so wünsche ic mit auch, dass sie sich die Flexi­bi­lität behalten, nach neuen Wegen zu suchen. „Schon (Helmut) Rüdiger hat darauf hinge­wiesen, wie das Verständnis für wesent­liche Ideen Proudhons sich ausbreitet und gewisse Elemente unseres föde­ra­lis­ti­schen Denkens heute endlich auf verschienen, sozialen, politi­schen und kultu­rellen Teilge­bieten aufzu­blühen beginnen“, sei es die Diskussion um Dezen­tra­li­sierte Produk­ti­ons­stätten (durch Subsis­tenz­pro­duktion via 3D-Printer), oder dezen­tra­li­sierung der Server­struktur- und Proto­kolle in Reaktion auf Internet-Total­über­wa­chung seitens der Staats­mächte.

„Die gemeinsame Kampf­front, die wir in dieser wirren Epoche vertei­digen sollten, scheint mir nicht mehr eine Einheits­front für rein wirtschaft­liche Forde­rungen zu sein, sondern eine Front der Vertei­digung der Freiheit mit dem Wort und der Tat. Und in diesem Kampfe werden wir vielleicht ganz unerwartete Verbündete und Mitkämpfer finden.“

Keineswegs sollte auf irgendeine der alten Bewegung ureigenen Ideen verzichtet werden, die für die Wieder­er­oberung eines menschen­wür­digen Lebens wesentlich erscheinen. Ich stimme mit dem Sozia­listen Albert Jensen überein, wenn er sagt,

„dass wir die Revolution, die wir wollen, nicht mehr als eine impro­vi­sierte Katastrophe auffassen dürfen, sondern in ihr einen langen Prozess sehen müssen.“

Es wird neben alten Formen des sozialen Lebens auch neue Lebens­formen geben. Es muss ein Neben­ein­an­ders­be­stehen verschie­dener Lebens­formen ermög­lichen, das ist nicht nur möglich, sondern sogar wünschenswert.

Ich wünsche mir eine Arbei­ter­be­wegung, die vom Gedanken des Aufbaus und der Verwirk­li­chung erfüllt ist — dem Geist, den schon einmal der Sozia­lismus beseelte, dem Marx und Engels im Namen ihrer „Wissen­schaft“ als „utopisch“ verhöhnten. Ich wünsche, dass eine Sphäre der freien Arbeit geschaffen wird, zur Vertei­digung der Freiheit des Indivi­duums und seiner Würde, die direkt auf die Initiative der organi­sierten Massen aufbaut — etwa im Sinne der Genos­sen­schaften, aber in einem stärker kämp­fe­ri­schen und aktiv-sozia­lis­ti­schen Geiste.

Der Gedanke, alles zu verlangen, sofort und unabdingbar, ohne Aufschub und so wie wir das Neue erträumen, kommt dem Entschluss gleich, auf alles zu verzichten.

Im Geiste unmit­tel­barer konstruk­tiver Arbeit kann die Arbei­ter­be­wegung ein Werkzeug mensch­licher Befreiung im Schoße der beste­henden kapita­lis­ti­schen Ordnung werden. Es war einst dieser Geist der Verwirk­li­chung und der Freiheit, der einst in unserer spani­schen, ukrai­ni­schen, chine­si­schen und korea­ni­schen syndi­ka­lis­tisch-anarchis­ti­schen Bewegung blühte, wegen diesem Geist fühlen wir uns noch heute von ihnen unwider­stehlich angezogen.

Mit das Schlimmste ist in meinen Augen, dass uns nicht nur die Perspek­tiven ausge­gangen sind, sondern auch die konkreten Ideen und Vorstel­lungen, nicht aber die Problem­stel­lungen in der Gesell­schaft im Spannungsraum zwischen Staat und Kapital auf der einen und Freiheit, Gleichheit und Gerech­tigkeit auf der anderen Seite. Für die Wieder­er­langung einer Perspektive möchte ich eintreten, zum Erarbeiten neuer und alter Vorstel­lungen aufrufen.

Für dieses Ziel möchte ich wünschen, dass der Geist der alten Kampf­ge­nossen gegen den frühen Kapita­lismus zu neuem Leben erwacht.

Es wäre der Mühe wert, die Gedanken, die hier nur flüchtig angedeutet sind, gründlich zu entwi­ckeln. Was uns betrifft, so sehe ich in solchen Ideen einen Stern der Hoffnung, der nach der dunklen Nacht dieser Zeit einen neuen Tag verheißt.

Auf, auf, für den konstruk­tiven Sozia­lismus.

[1] alle Zitate aus: “Für eine konstruktive Arbei­ter­be­wegung”, Diego Abad de Santillan (1950)